Die größte Kulturhalle oder auch: Zusammenspiel von Allgemeinnutz, Geld und Stadt

Vor knapp einem Monat hatte ich was zur Rückhaltung des Ausbaus vom ÖPNV in Hamburg geschrieben. Mir ist allerdings erst letztens beim Betrachten der Hamburger Unterwasser-Nahverkehrstunnel aufgefallen, wie absurd das überhaupt alles ist.

Kurzzusammenfassung: Hamburg lässt vier Kilometer U-Bahn mit zwei neuen Stationen durch den Hafen graben, die Kosten halten sich relativ stabil bei 324 Millionen Euro. Dafür muss allerdings ein Straßenbahnprojekt, dass zehntausende Menschen endlich richtig mobil machen würde und in etwa zum selben Preis zu haben wäre jedoch Platz machen. Stattdessen wird das Bussystem zum Preis von knapp 80% der Stadtbahn ausgebaut, der Nutzen ist jedoch zweifelhaft.

U4 — Hafencity/Universität

U4 — Hafencity/Universität — Ein riesiges Prachtbauwerk — © Michael Vogel

Ich habe mir mit der guten, alten Wayback-Machine mal die alte Informationsseite zum Straßenbahn-Projekt angesehen. Dort finden wir unter anderem folgendes:

Gibt es eine verkehrspolitische Alternative zur Stadtbahn?

Die einzige Alternative wäre der Bau weiterer U-Bahn-Linien. […] Ein Ausbau des Busnetzes ist keine Alternative, weil die Betriebsqualität bei noch weiterer Taktverdichtung schlechter wird.

Warum werden statt der Stadtbahn nicht einfach günstige Busspuren eingerichtet, so dass Busse auf einer eigenen Spur fahren können?

[…] Die Kostenvorteile für ein Bussystem auf eigener Trasse sind also nur begrenzt vorhanden. Entscheidend ist aber das Problem der begrenzten Fahrgastkapazität von Bussen: […]

Das erinnert doch an etwas! Heute schaffen die Busse angeblich plötzlich die selben Fahrgastzahlen weg.

Wo wir schon bei Fahrgastzahlen sind: Lasst uns doch einmal die erwarteten Fahrgastzahlen der U4 und dem ersten Bauabschnitt der Stadtbahn vergleichen: Für die U4 werden ~35.000 Fahrgäste pro Tag erwartet, für den ersten Bauabschnitt der Stadtbahn wurden hingegen ~74.000 Fahrgäste erwartet.

Und welches enorm teure Failprojekt wird durch die U4 nicht mal angebunden? Genau, die Elbphilharmonie, die erst kürzlich plötzlich weitere 214 Millionen Euro gekostet hat.

Was mir nun noch fehlt sind die schlagenden Argumente dafür, die Stadtbahn nicht bauen zu lassen. Ich verstehe es einfach nicht — Und vermutlich bin ich damit nicht alleine. Nebenher vermisse ich nach wie vor den sozialen Aspekt der Hamburger SPD bei dieser Sache, denn Soziales hört nicht dort auf, wo die Bildung kostengünstiger gemacht wurde, Kitaplätze geschaffen und eine Luxus-Wohngegend mit eigener Bahn gebaut wurde. Um all diese schönen Angebote nutzen zu können muss man auch arbeiten und wohnen, und wohnen ist nicht günstig. Da würden sich „Randstadtteile“ nunmal anbieten, hätten diese eine brauchbare Verkehrsanbindung für den täglichen Arbeitsweg.

</Gebetsmühlen>

(Was eigentlich fehlt: Ein enorm teures Verlegungsprojekt des Hauptbahnhofs unter die Binennalster zum Jungfernstieg und die Umfunktionierung des derzeitigen Hauptbahnhofs in die größte Kulturhalle. Für mehr Unterwasser-Tunnelbau!)

Wie die Stadt sich ihre Gettos baut

Am Samstag war in Steilshoop die alljährliche Demonstration gegen Nazis. Darüber will ich hier aber gar nicht schreiben — das habe ich schon dort drüben getan.

Worum es mir eigentlich geht ist, wie Stadtteile wie diese ihrer Situation überlassen werden. Ja, es wirkt so, als würde die Politik diesen Stadtteil, in dem über die Hälfte aller Wohnungen Sozialwohnungen sind, absichtlich als Getto halten wollen anstatt den Menschen die Chance zu geben, sich täglich in annehmbarer Zeit in andere Teile der Stadt zu bewegen, sei es zur Erwerbstätigkeit oder auch zur Freizeitgestaltung.

Steilshoop hat keine Anbindung an das Hamburger U-Bahnnetz. Die einzige Anbindung ans System erfolgt über drei Buslinien an die umliegenden U- und S-Bahnhöfe, die alle mehrere Kilometer weit entfernt sind. Und der Hamburger Senat findet das okay so. Natürlich soll auch hier das Busbeschleunigungskonzept umgesetzt werden, wie sinnlos dieses ist steht aber auch seit der Bekanntgabe außer Frage.

Die fehlende Anbindung wirkt umso grotesker wenn man sich ansieht, welche Stadtteile in Hamburg mit einer ähnlichen Einwohnerzahl einen eigenen Bahnhof haben. Zum Beispiel Poppenbüttel mit nur 3.000 Einwohnern mehr dient als Endpunkt der S1. Und Großhansdorf mit nur ca. 9.000 Einwohnern, also 10.000 weniger Leuten als in Steilshoop, bekam einst einen eigenen U-Bahnhof.

Alleine ist Steilshoop mit der fehlenden Verkehrsanbindung und den leeren Versprechungen aus der Zeit in der die Großwohnsiedlungen gebaut wurden jedoch nicht: Auch dem Osdorfer Born, eine weitere Plattenbau-Großsiedlung, wurde einst eine Anbindung versprochen. Natürlich wird auch hier ein wenig Geld aus dem Busbeschleunigungsprogramm gelassen, jedoch wird selbst dabei an einer wirklichen Verbesserung des vorhandenen Systems gespart.

Im Hinblick auf die Erschließung der HafenCity mit der U4 für schlappe 323,6 Millionen Euro wirkt das Zurückhalten des Baus von U-Bahnen in Randstadtteile, die es nötig hätten, in denen man nicht in bis zu 42 Metern tiefe im teuren und aufwendigen Schildvortriebverfahren einen Tunnel bohren müsste, sondern kostengünstig die Gleise einfach unter schon vorhandene große Straßen legen könnte, vom Hamburger Senat gewollt.

Und trotzdem lässt die SPD, die dort draußen mitten in der Stadt fast 60% der Stimmen bekommen hat und sich trotzdem nicht weiter darum kümmert, fleißig ihre Fahnen schwingen. Ich weiß nicht wie es euch damit geht, aber zumindestens mir wäre spätestens das doch ziemlich peinlich.

Piraten*Konferenzen und das liebe Geld

Letztes Wochenende fand die PiratinnenKon statt. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Dafür hat der Bundesvorstand 1200€ locker gemacht. Meistens war zwar die Rede von 1800€, dieser Betrag scheint sich aber aus dem eben genannten Antrag und einem weiteren für die Vorfinanzierung der Verpflegung vor Ort, der nicht angenommen wurde, zusammenzusetzen. Aber darum soll es hier eigentlich gar nicht gehen.

Abgesehen von der generellen „Kritik“ an der Veranstaltung, die meinem Empfinden nach kein besonderes Ausmaß annahm neben dem, was zu erwarten war, haben sich viele Piraten insbesondere laut darüber empört, dass eine Konferenz zu einem Thema mit dem sich derzeit scheinbar nur wenige Menschen befassen — auf der Konferenz waren wohl nur um die 100 Leute — mit einer derartigen Summe Seitens der Partei unterstützt wird.

Wir leben im 21. Jahrhundert und verstehen das Internet als Teil unseres Alltages und verwenden es zur Kommunikation und insbesondere als Informationsquelle. Trotz Projekten wie dem Project Gutenberg, der allseits bekannten Wikipedia oder dem Google Books Projekt gibt es nach wie vor eine Notwendigkeit für die Wissenschaft und Universitäten — Ist ja auch logisch, woher sollen sonst neue Erkenntnisse und Inhalte für derartige Wissensprojekte kommen.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass meiner Meinung nach in jedem Fall Konferenzen zu Themen innerhalb der Partei von selbiger gefördert werden sollten. Auch wenn nur eine geringe Anzahl an Menschen teilnimmt. Ein zentrales Element der Meinungsfindung sollte es sein, sich mit verschiedenen Ergebnissen aus der Wissenschaft zu befassen, was im Allgemeinen darin resultiert, sich Fachliteratur zu Gemüte zu führen und eben zu derartigen Konferenzen einzuladen, um sich von Fachleuten, am besten aus der wissenschaftlichen Ecke der Gesellschaft, die verschiedenen Facetten des Themas aus erster Hand zeigen zu lassen. Dafür dürfen, finde ich, auch gerne höhere Summen investiert werden, damit entsprechende Fachleute von außerhalb als Referenten hinzugezogen werden können.

Bei der Piratinnenkon wurde dieses Vorgehen zwar von vielen Seiten in Frage gestellt, wozu ich mich aber nicht äußern werde, da ich es als unbedacht und sinnfrei ansehe etwas zu kommentieren, bei dem ich selber nicht teilgenommen habe und nur die Erzählungen und Meinungen anderer als Quelle nutzen kann.

Ein weiterer wichtiger Aspekt von Konferenzen ist es, sich mit den Menschen, die sich mit dem selben Thema befassen, zu vernetzen. Heutzutage gibt es zwar die Möglichkeit, einen Großteil der Kommunikation im Internet ablaufen zu lassen, erfahrungsgemäß sind Menschen aber außerhalb des Internets meistens doch ganz anders als man es sich ausgemalt hat. Das ist denke ich auch bei kleineren Gruppen noch durchaus förderungswürdig, da es unwahrscheinlich ist, dass sich eine besonders große Gruppe mit einem Thema noch anständig befassen kann. Dank moderner Technologien besteht außerdem auch die Möglichkeit die Konferenz denen, die nicht vor Ort teilnehmen können oder möchten, in Echtzeit und nachträglich zur Verfügung zu stellen.

Als Argument gegen die Finanzierung wurde auch gebracht, dass der Aufschrei aus der Ecke der Piraten die an dieser Konferenz teilnahmen und sie organisierten ja ähnlich groß sei, würde beispielsweise die Nuklearia eine Atomkonferenz veranstalten, die von der Partei finanziert werden würde.

Ich würde es jedoch sogar als wünschenswert ansehen, dass eine derartige Konferenz stattfindet. Das Thema der elektrischen Energie ist derzeit so kompliziert und kniffelig wie nie zuvor und bedarf einiges an Arbeit. Würden zu einer Atomkonferenz entsprechende Persönlichkeiten aus der Wissenschaft eingeladen werden um  sowohl über die Vor- als auch die Nachteile verschiedener Energiewandlungsverfahren zu referieren, bildet sich erst die Möglichkeit darüber nachzudenken, ob es wirklich eine so schlaue Idee ist, an der Kernspaltung als modernes Konzept festzuhalten.

Der wichtige Aspekt dabei wäre jedoch, dass die Referierenden nicht aus selbiger Ecke der Piraten kommen, sondern von außerhalb eingeladen werden. Ansonsten ist das Ergebnis hervorsehbar — nämlich die so oder so schon vorhandene Meinung der Gruppe — und die Konferenz an sich wird ihrem Zweck nicht mehr gerecht.

Zusammengefasst wünsche ich mir, dass mehr Fachkonferenzen mit verschiedenen Fachleuten von außerhalb bei den Piraten insbesondere zu umstrittenen Themen stattfinden, damit wir endlich aufhören können, uns ständig zu bekriegen und uns stattdessen eine Basis dafür geben, fundierte Meinungen miteinander zu bilden. Und das darf auch gerne Geld kosten.