Einfach mal wegschauen können.

Manchmal wünsche ich mir ja, mich für den Bereich der Politik so sehr zu interessieren, wie es der Durchschnitt der Leute tut.

Einfach mal wegschauen zu können.

Sagen zu können: „Ich hab doch nichts zu verbergen“, in der Schule zum Thema der Europäischen Flüchtlingspolitik mit darüber witzeln zu können wie viel einfacher und sicherer es draußen wäre, wenn „Deutsche nur in Deutschland, Türken nur in der Türkei und Afrikaner nur in Afrika“ leben würden, nebenher nicht einsehen, warum das Leben der sogenannten Sozialschmarotzer vom arbeitenden Anteil der Bevölkerung finanziert werden soll und mit dem Bierkrug in der Hand gegen Kiffer hetzen. Nur um ein paar Beispiele zu nennen, die nicht unbedingt miteinander etwas zu tun haben.

Es wäre so viel einfacher, einfach im Strom mitzuschwimmen.

Ich kann das nicht.

Wir haben einen Innenminister, der, genau wie unsere Bundeskanzlerin, keinen blassen Schimmer davon hat, was Technologie heute für Möglichkeiten schafft. Er ist nicht in der Lage zu begreifen, dass heutige Geheimdienste nicht mehr Agenten mit Kopfhörern auf dem Dachboden stationieren muss.

Was mich aber entsetzt, ist gar nicht dieses offensichtliche Unwissen, mit dem derartige Leute ihre Macht vollziehen, sondern, wie die Menschen in diesem Land von denen da oben für blöd verkauft werden. Wie ihnen Lügen auf den Tisch gelegt werden. Wie sie zu einer zweiten, schlechteren Klasse in der Gesellschaft herabgestuft werden. Jeden verdammten Tag.

Jedes verdammte Mal wenn Friedrich, unser Innenminister, vor der Kamera von Phoenix ein Interview hält, lügt er. Jedes mal.

Erzählt er, die NSA habe alle Verdächtigungen widerlegen können, erscheint daraufhin ein Bild der Widerlegungen in Form der geschwärzten Akten, auf denen nicht eine Zeile lesbar ist.

Erzählt er, man müsse, jetzt wo bekannt ist, dass Merkels Privathandy , genau wie die der Leute im Land abgehört wird, entsprechende Konsequenzen ziehen, dann lügt er für einen Moment nicht. Denn schließlich geht es um Merkels Handy. Mit diesen Konsequenzen meinte er aber offensichtlich auch wirklich nur das Handy der Bundeskanzlerin, das 80 Millionen Leute starke Wahlfleisch im Land hingegen nicht, wie nun folgend zu lesen ist, denn:

Erzählt er, man müsse entsprechende Konsequenzen aus der NSA-Affäre ziehen und sich um entsprechende Datensicherheit kümmern, erscheint daraufhin der Forderungskatalog seines Ministeriums an die nächste Bundesregierung, die dem BND und der Polizei vorsehen, die selben Kompetenzen zu geben, wie die NSA sie hat.

Erzählt er, genau wie die Telekom, wir bräuchten ein „nationales Routing“, zeigt das nicht nur Unwissen darüber, wie das Internet funktioniert, sondern ist zugleich auch eine Lüge gegenüber der Sicherheit der Nutzer*innen und über das eigentliche Problem an der Totalüberwachung. Denn: Was bringt uns ein nationales Routing, wenn es durch die Netze von zum Beispiel Level 3 geht? Was bringt uns ein nationales Routing, wenn demnächst unsere eigenen Geheimdienste alles abschnorcheln? Was bringt uns ein nationales Routing, wenn keine sichere Verschlüsselung verwendet wird, und alle, die sich Wireshark herunterladen können, in allen möglichen offenen Netzwerken alles mitlesen können? Nichts. Details dazu hier.

Man könnte diese Liste beliebig weiterführen.

Seine Sensibilität hört aber natürlich gar nicht bei internationalen Überwachungsskandalen auf, schließlich gibt es da noch einen kleinen Konflikt in Syrien, mit dem wir in sofern zu tun haben, als dass derzeit die Flüchtlinge zu Tausenden über das Mittelmeer versuchen, nach Europa zu kommen.

Er selber sieht sich als den Gutmenschen schlechthin, schließlich hat er dafür gesorgt, dass bis zu 5000 Flüchtlinge aufgenommen werden, die dann aber bitte Christen sein sollen. Laut UNO sind jedoch Anfang September schon über 2 Millionen Leute aus der Region Syrien auf der Flucht.

Extra 3 hat die Zahlen ein wenig grafisch aufbereitet.

Was die aktuelle Flüchtlingspolitik vom Bund und der Länder angeht, ist allerdings nicht mal sonderlich viel Rückhalt in der Bevölkerung gegeben, und das nicht nur in Deutschland. In Hamburg wird seit Wochen um eine Gruppe illegaler Flüchtlinge mit bis zu 15000 Leuten gekämpft, Ende 2012 haben Tausende für eine Schülerin, die abgeschoben werden sollte, demonstriertin Berlin existiert nach einem 600 Kilometer langen Protestmarsch seit Mitte 2012 ein Protestcamp gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik, und auch außerhalb Deutschlands geht den Schüler*innen die aktuelle Abschiebepolitik ein bisschen auf den Senkel.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Ich verstehe es einfach nicht. Ich verstehe nicht, wieso ein so reiches Land wie Deutschland nicht in der Lage sein soll, Menschen in akuten Notlagen zu helfen. Ich verstehe nicht, wieso wir von einem gemeinsamen Europa reden, und am Ende die Länder, die eh schon am schlechtesten dran sind, keinerlei Unterstützung erhalten.

Wir tragen sogar die Verantwortung für das Leid in Afrika, immerhin verkaufen wir dorthin klassische Waffen, und auch die ach so geächteten Chemiewaffen kamen aus Deutschland. Sicherlich würde das an unserem Wohlstand kratzen, andererseits würde der Großteil der Bevölkerung sicherlich aber auch erwarten, dass andere Länder Zuflucht bieten, sollten hier eines Tages wieder die Schützen auf der Straße herumschießen. Oder auch: Was würde Friedrich tun, wenn er Syrer wäre, und eine illegale Einschläusung nach Europa der einzige Ausweg zu sein scheint?

Irgendwann kommen dann die Stammtischparolen dazu, die Ausländer würden uns eh nur auf der Tasche liegen. Das stimmt sogar, schließlich verbieten wir den wenigen erfolgreichen Asylant*innen für ein Jahr zu arbeiten. Nur: Mit welchem Ziel verbieten wir es den Leuten zu arbeiten? Damit die schlechter qualifizierten Kinder reicher, deutscher Familien auf dem Arbeitsmarkt einen Vorzug haben? Und: Wer kommt denn nach Deutschland? Arme, ungebildete Hinterwaldskinder?

Sicherlich nicht, eine Flucht mit Schleusern quer durch die Welt ist teuer, das können sich nur die oberen Schichten Afrikas leisten. Entsprechend viele Flüchtlinge sind auch fachlich qualifiziert. Wir lassen sie nur nicht. Und ich verstehe das nicht. Wir lassen die Leute lieber verrecken, demütigen sie, und meckern am Ende über einen Fachkräftemangel und eine schrumpfende Bevölkerung.

Ein Glück, dass zumindestens die Stammtischfreunde in Friedrich einen Held sehen dürften: Schließlich sind „Ausländer“ sind eh nicht so Friedrichs Ding, weshalb er sich mit allen Kräften darum kümmert, die Sozialschmarotzer aus unserem Land rauszuhalten.

Warum lassen wir das alles passieren, und greifen nicht ein? Was für eine Welt ist das, in der nicht alle einfach Mensch sein können? Wozu werden alle Menschen in Klassen eingeteilt? Ich verstehe das nicht.

Darum kann ich auch nicht wegschauen.

Darum regt es mich jeden Tag wieder auf, wenn unsere Minister ihre verlogenen Gesichter in die Kamera halten, und uns anlügen.

Darum regt es mich jeden Tag wieder auf, wenn an der Grenze des Kontinents, auf dem ich zufällig geboren wurde, tausende Menschen ertrinken, weil wir ihren Staaten zwar Waffen verkaufen, aber uns anschließend nicht um die Opfer kümmern wollen.

Darum regt es mich auf, wenn alle vier Jahre für einen Monat die Meinung der Bevölkerung gefragt ist, um am Ende doch wieder niemand sich traut, mal eine Veränderung zu wagen, und die, die mit einer Veränderung werben, sich am Ende ohne eine einzige Veränderung verkaufen und somit ihre Wähler*innen verraten.

Danke, Telekom.

Nachdem die Fanboys Mitte März Pläne der Telekom, Volumendrosselungen für Festnetzanschlüsse einzuführen, veröffentlichten, hat diese das Werk soeben vollbracht.

Dass eine derartige Drosselung doof ist, ist ja vermutlich unumstritten, nachdem wir innerhalb der letzten zwölf Jahre so viele Katzenbilder geklickt haben wie wir wollten, und dabei offensichtlich keiner der großen Telekommunikationsanbieter sich in die Insolvenz gefahren hat. Nein, es wurden sogar immer mehr gegründet.

Sonderlich glaubwürdig kommt die Argumentation für die Einführung der Drosselungen auch nicht herüber: Die Telekom ist TIER 1 Backbone-Betreiber was letztendlich bedeutet, dass sie in den meisten Fällen von anderen Netzwerkbetreibern sogar Geld dafür bekommt, das diese sich ans Telekom-Netzwerk anschließen. Des Weiteren sind die Traffickosten innerhalb der letzten Jahre auch stätig gefallen, selbst bei nicht ansatzweise so großen Netzwerk-Betreibern wie Hetzner kostet das Terabyte nur 6,90€, die Telekom dürfte jedoch Preise haben, die weit darunter liegen. Ein DSL-16000-Anschluss kann im Monat bei ständiger Auslastung maximal ca. 5 Terabyte an Traffic verursachen, ein 6000er-Anschluss hingegen ca. 2 Terabyte. Das macht so aber kaum jemand. Da geht die Mischkalkulation doch sogar ohne größere Schmerzen für alle beteiligten auf.

Dass der Aufbau eines modernen Glasfasernetzes nicht unbezahlbar teuer sein kann hat sich auch spätestens durch das Entstehen von wilhelm.tel, SWN, M-net, NetCologne und co. gezeigt.

Die Drosselung an sich ist aber eigentlich gar nicht das Problem an dem neuen Geschäftsmodell der Telekom. Das Problem ist der Verstoß gegen jegliche Grundsätze der Netzneutralität.

Grundsätzlich werden die Daten nach dem Schema a <> b <> c übertragen. b ist dabei die dritte Partei. Und wenn diese Traffic bevorzugt, benachteiligt oder verändert, zählt das als Bruch der Netzneutralität.

Wir kennen das bereits bereits seit Jahren von den Mobilfunkanbietern: Einfacher HTTP-Traffic ist gestattet, Telefonie, p2p und so weiter werden aber blockiert. Das ist nicht in Ordnung, auch nicht, wenn die gesperrten Dienste gegen zusätzliches Geld „freischaltbar“ sind. Die Digitale Gesellschaft erklärt gut, warum das so verboten gehört.

Und in letzterem Segment ist die Telekom jetzt unterwegs, sowohl mit T-Mobile als auch mit den DSL-Anschlüssen. Allerdings nicht so lasch wie Vodafone.

Nein.

Die Telekom bevorzugt lieber gleich einzelne Anbieter gegenüber anderen. Im T-Mobile-Netz wird Traffic der durch Spotify entsteht nicht vom Datenvolumen abgezogen. Traffic an andere Anbieter wie Simfy oder rd.io hingegen wird entsprechend dem Volumen abgerechnet und gedrosselt. Das selbe Spiel folgt nun mit den DSL-Anschlüssen: Traffic der in das interne Netz der Telekom für die Zusatzdienstleistung Entertain gesendet wird, wird im Gegensatz zum Traffic der in das davon logisch getrennte Netz ins Internet gesendet wird nicht gedrosselt.

Wir sind jetzt an dem Punkt angekommen, wo unser allseits geliebtes Internet, in dem man einfach seine Idee, sein Unternehmen anfangen konnte, in ein Internet mit mindestens 2 Klassen übergeht. Und das ist inakzeptabel, egal wie gerne ihr Spotify habt. Und das ist auch das Problem an den neuen Telekom-Tarifen; Die Drosselung wäre dabei das kleinere Problem, würde sie für alles gelten. Ihr wollt das so nicht. Stellt euch vor, die Telekom stellt demnächst die ausreichend schnelle Übertragung (abgesehen von den eh schon vorhandenen Problemen) von YouTube-Videos komplett ein, Vimeo hingegen funktioniert aber weiterhin einwandfrei. Oder eure 1&1 E-Mail-Postfächer sind nicht mehr zu erreichen, weil ihr ja auch T-Online dafür nutzen könntet.

Natürlich ist das alles kein Problem, gegen ein bisschen Extra-Geld an die Telekom laufen wieder alle Dienste problemlos und nicht nur die Auslese, mit denen die Telekom sich ihren Obolus obendrauf verdienen kann.

Nein, das sollte wirklich niemand wollen, außer die Telekom.

Was jetzt zu tun ist, damit nicht alle anderen Anbieter die Vorlage nutzen und nachziehen, hat Stephan Urbach schon vor einiger Zeit kurz und knapp zusammengefasst. Weitere interessante Informationen zu dem Thema befinden sich hier: